Dieses Buch wirkt wie ein Blick hinter eine Fassade, die lange „funktioniert“ hat – und dabei immer wieder Risse bekam. Im Zentrum steht eine Erzählerin, Die schon als Kind gelernt hat, ihre Umgebung zu lesen wie ein Frühwarnsystem: Stimmungen, mögliche Gefahren, unausgesprochene Erwartungen. Nicht, weil sie „zu empfindlich“ gewesen wäre, sondern weil ihr Inneres früh verstanden hat, dass Sicherheit nicht selbstverständlich ist. Aus dieser Haltung entstehen Muster, die bis ins Heute reichen: Verantwortung übernehmen, bevor sie jemand verlangt. Schuld bei sich suchen, bevor jemand sie zuschreibt. Stabilität herstellen wollen, auch wenn der Boden dafür eigentlich fehlt. Parallel dazu öffnet der Text eine zweite Ebene: das Leben mit chronischer Krankheit – nicht als abstraktes medizinisches Thema, sondern als tägliche Realität. Multiple Sklerose erscheint hier als unberechenbarer Weg, der Kraft kostet, Entscheidungen verengt und den Alltag in Schmerzgrenzen und Erschöpfung einteilt. Es ist ein Leben, in dem „normal“ nicht bedeutet, dass alles gut ist, sondern dass man gelernt hat, mit Einschränkungen zu planen, zu dosieren, auszuhalten. Und gerade dadurch wird spürbar, wie viel innere Arbeit in scheinbar kleinen Dingen steckt: durch die Nacht kommen, den nächsten Tag schaffen, sich selbst nicht verlieren. Besonders eindringlich ist, wie der Text Beziehungen beschreibt: nicht als klare Kategorien von „gut“ oder „schlecht“; sondern als fragile Räume, in denen Liebe, Loyalität, Trauer und das Bedürfnis nach Selbstschutz gleichzeitig existieren können.Da ist zum Beispiel die Geschwisterbeziehung, die seit der Teenagerzeit schwierig geworden ist. Nicht laut dramatisch, sondern zermürbend in Wiederholungen: Vorwürfe, Missverständnisse, das Gefühl, der eigene Schmerz werde nicht geglaubt oder kleingeredet („du stellst dich krank“). Gleichzeitig bleibt da die Bereitschaft, die andere Seite mitzudenken: dass ein Geschwisterkind sich übersehen fühlen kann,....
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