Was bedeutet es, etwas zu bewahren, wenn die Welt es vergessen will? Arjun Balasubramanian stellt in seinem eindringlichen Erzählband *Jenseits der Theiß* sechs Geschichten zusammen, die dieser Frage mit literarischer Präzision und leiser Dringlichkeit nachspüren. Die Erzählungen spielen im fiktiven Pannonischen Bund, einem bürokratisch durchdrungenen Mitteleuropa der nahen Zukunft, in dem Vorschriften über Saatgut, Sprache und Erinnerung entscheiden, was erhaltenswürdig gilt — und was verschwinden darf. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die sich diesem Verschwinden widersetzen: eine pensionierte Botanikerin, die verbotene Samensorten unter den Dielen ihres Hauses verbirgt, ein Archivar, der handgeschriebene Dokumente vor der Digitalisierungspflicht rettet, eine Lehrerin, die ihren Schülerinnen und Schülern eine Sprache beibringt, für die es kein offizielles Curriculum mehr gibt. Balasubramanian schreibt mit ungewöhnlicher Ruhe. Er dramatisiert nicht, er vertraut auf die Kraft des Details: eine Handschrift, die sich nie verändert hat. Eine Holzplanke, deren Astloch man im Dunkeln findet, weil man es auswendig kennt. Ein Kaffee, der gestellt wird, obwohl der Gast nein gesagt hat. In diesen kleinen Gesten steckt das eigentliche Gewicht der Texte — der stille, hartnäckige Widerstand von Menschen, die wissen, dass das Bewahren kein Spektakel ist, sondern tägliche Arbeit. Was den Band besonders macht, ist sein Gespür für Ambivalenz. Die Figuren der Obrigkeit sind keine Schurken; der junge Inspektor aus der ersten Erzählung ist höflich, unsicher, vielleicht sogar verständnisvoll. Balasubramanian interessiert sich nicht für einfache Gegensätze, sondern für das Unbehagen zwischen Menschen, die auf verschiedenen Seiten einer Verordnung stehen und trotzdem dieselben Worte benutzen. *Jenseits der Theiß* ist Literatur, die bleibt.
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