Die Zahl der Einzelkinder bleibt seit Jahrzehnten stabil bei rund 20 bis 25 Prozent, im Umkehrschluss bedeutet dies, dass mindestens 75 bis 80 Prozent der Kinder unter 18 Jahren mit Geschwistern aufwachsen. Sie sind oft diejenigen, die uns ein Leben lang begleiten, meist als verlässliches Gegenüber - liebevoll, offen und manchmal schonungslos. Dieses Buch zeigt, warum genau darin ein einzigartiger Entwicklungsmotor steckt: Im Miteinander der Kinder werden Interessen erprobt, Grenzen verhandelt, Solidarität gelernt und aus Alltagskonflikten entstehen Chancen für Reifung und Resilienz. Programmatisch denkt der autor Familie als Weg ‘von der Dyade über die Triade zur Polyade‘. Er begleitet den Übergang vom Einzelkind zur Geschwisterfamilie, fragt nach Vorbereitung, nach Schutz und weist auf Überforderung hin und versteht die frühen Reaktionen des ‘Noch-Einzelkindes‘ auf die Ankunft des jüngeren Geschwisters, ohne dies zu pathologisieren. Klassische psychosexuelle Entwicklungsphasen werden nicht schematisch abgehandelt, sondern mit dem realen Familienalltag verschränkt - inklusive der Frage, wie sich Mentalisierungsfähigkeit entwickelt. Was bedeutet es ‘ältester Bruder unter Brüdern‘, ‘älteste Schwester von Brüdern‘ oder in der ‘mittleren Position‘ zu sein? Aspekte, die bereits in Walter Tomans Geschwisterkonstellationen zu entdecken sind, werden weiter gedacht. Zentral für Geschwister sind die Eltern. Die Qualität der Geschwisterbeziehung ruht auf der Qualität der Elternbeziehung und der Beziehung zu den Kindern an sich. Der Band zeigt, wie unterschiedliche Erziehungsstile, Koalitionen und unausgesprochene Aufträge Dynamiken befeuern oder befrieden - und wozu mentalisierende Erziehung sowie ‘epistemisches Vertrauen‘, als Schlüssel für soziales und emotionales Lernen verstanden werden. Die vielgestaltigen Familienformen von Halb-, Stief- und Adoptivgeschwistern werden aufgegriffen, Identifikations- und De-Identifikationsprozesse sowie Funktionen von Geschwisterbeziehungen aufgeführt - immer verbunden mit praxistauglichen Anregungen. Besonders sensibel wird das Aufwachsen von Kindern mit chronischer bzw. psychischer Erkrankung und Behinderung in der Familie aufgegriffen. Fallvignetten aus der psychotherapeutischen Praxis - aber auch pädagogisch anschaulich in der Kinder- und Jugendliteratur dargestellt -, veranschaulichen die Thematik.
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