Adorno ist der letzte Systematiker der Ästhetik und der erste Ästhetiker, der die Moderne systematisch zu begreifen suchte. Letztere wurde von Adorno stets als Norm, hinter die es kein Zurück mehr geben könne, begriffen. Sie ist mittlerweile selbst historisch geworden. Ausgehend von diesem Befund legt Ingo Meyers Band Schneisen durch Adornos verwickelte, seit jeher umstrittene Argumentationen. Dabei bezieht sich das Buch nicht ausschließlich auf die 1970 postum publizierte Ästhetische Theorie, gleichwohl dieser konzentrierte und kontrovers diskutierte Versuch, die Motive und Intentionen von Adornos jahrzehntelangem intimem Umgang mit den Künsten zu verdichten, auch hier im Fokus des Interesses steht. Diesseits einer meist aus Verlegenheit ausgerufenen ¿Aktualität¿ zeigt das Buch, dass Adornos Argumentation unabhängig davon, ob man seine Prämissen und Folgerungen teilt, ein reflexives Niveau erreicht, das man der aktuellen, breit diversifizierten ästhetischen Theorie wünschte. Sämtlichen Grundbegriffen - etwa Gesellschaftsbezug und Kulturindustrie, Autonomie und Tendenz, Avantgarde vs. Moderne, Form, Werk, Material, ¿apparition¿ und Wahrheitsbegriff, Mimesis, Geist und Geschichtsphilosophie - geht, so zeigt Meyer, Adorno ¿immanent dialektisch¿, also auch sprachlich ungewöhnlich fordernd, bis in ihre Mikropartikel nach, doch ohne den Leser schlicht mit einem Bündel von Lehrsätzen zu entlassen. Auch weil sich die Gegenwartskunst beinahe vollständig durch ein im Sinne Adornos falsch verstandenes Engagement auszeichnet, soll das Buch zur Lektüre des kritischen Theoretikers anregen. Zugleich präsentiert es den bisher einzigen wirklichen Ästhetiker der deutschen Universitätsphilosophie in seinem zeitbedingten Kontext.
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