Das Berlin der sogenannten »Goldenen Zwanziger« hatte magische Anziehungskraft. Die aufregendste Metropole Europas zog Gaste in ihren Bann und bot zugleich Zuflucht für zigtausende Zuwanderer aus Osteuropa. So entfaltete sich hier auch Literatur aus der Ukraine – auf Ukrainisch und auf Jiddisch. Geschrieben wurde sie oftmals von Geflüchteten, vor Pogromen, dem Ersten Weltkrieg oder dem in der Ukraine wütenden Bürgerkrieg. Später kamen Besucher aus dem sowjetischen Charkiw und Kyjiw, um das kapitalistische »Babylon« Berlin zu inspizieren. Zugleich gab es unter den Autoren politisch Verfolgte oder Arbeitssuchende, die der Not und dem Hunger in ihrer Heimat zu entkommen suchten. Ihre Stimmen finden sich in zeitgenössischen Feuilletons, Reisereportagen, Romanen und Gedichten – darunter schwer zugängliche Archivfunde. So entsteht das Panorama einer Großstadt, in dem Revue und Syphilis, Leuchtreklame und Fabrikschlote, Kaffeehauskultur und Migrantenelend oder bourgeoise Hundemanie und die Kolonialgeschichte des Zoos aufeinandertreffen; die Spree spiegelt den Dnipro, Kyjiw und Berlin sind Orte leidgeplagten jüdischen Lebens, Charkiw und Krementschuk wie Berlin europäische Städte, die Berliner Pferde träumen von der Chersoner Steppe. Ostap Wyschnja und Nochem Schtif beobachten den Wandel von der Pferdekutsche zum Auto und von Konzertbesuchen zum Radio. Auszuge aus Wolodymyr Wynnytschenkos öko-futuristischem Sci-Fi-Roman »Sonnenmaschine« und Meir Wieners unveröffentlichtem Berlin-Roman begleiten eine träumende Figur – einmal Naturwissenschaftler, einmal Künstler – im Sog der Großstadt. So liest sich die Sammlung als eine der interessantesten Berlin-Anthologien der Moderne, aus einer Zeit, in der für Joseph Roth Berlins neueste Mode die »Ukrainomanie« war. Sie führt ukrainische wie jiddische Avantgarde zusammen, darunter Debora Vogel und Mychajl Semenko. Zugleich öffnet sich vor unseren Augen ein Gedächtnisbuch: Nicht nur diese beiden, sondern die Mehrheit der hier versammelten Autoren und Autorinnen wurde während der Schoah oder unter Stalin ermordet, so Menachem Kipnis, Oleksa Vlysko, Perez Markisch, Dovid Bergelson, Leib Kwitko, Dovid Hofstein und Walerjan Polischtschuk.
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